Die Reise zum Metapol

Habe ich Hunger? Das Hungergefühl war eigentlich noch nicht ausgeprägt, aber ich sollte etwas essen. Ich sollte Kartoffeln kochen. Das haben sie sich schön ausgedacht. Kartoffeln. Reis. Tomaten. Für das Kochen muss man sich Zeit nehmen. Ich koche nur mit frischen Zutaten. Ich muss in die Küche, muss Kartoffeln schälen. Zähneputzen, Durst, Steuererklärung. Ich muss Google Plus checken. Das ist gut eingefädelt. Man muss immer nur mal kurz ins Internet schauen. Ich frage mich, ob sie zurückschauen. Ah, er ist wieder einmal online. Gebt ihm etwas. Ein Posting, ein Link zu synthetischer Biologie. Nur einen Brocken, nicht zu viel. Er soll abgelenkt sein, nicht wirklich etwas tun. Gebt ihm ein neues Tool, das seine Aufmerksamkeit für eine kurze Zeit bündelt. Haltet ihn in der Schwebe zwischen Neugier und Erkenntnis.

Der Bus. Ich warte auf den Bus. Ich muss eher da sein als der Bus. Ich will nicht, dass er wegfährt ohne mich. Ich muss wohin. Wohin? Ich muss zur Arbeit, zum Arzt. Ich muss immer irgendwohin. Und wenn ich irgendwo bin, habe ich Aufgaben zu erledigen. Ich muss immer Sachen machen. Aufgaben erledigen. Auch wieder ein schlau ausgedachter Plan. Gebt ihm Arbeit. Haltet ihn beschäftigt. Aber ich ahne, dass das nur ein Spiel ist, in dem ich eine Figur bin. Ich bin ein Sim. Das ist mein Tag. Oh halt, das muss ich präzisieren. Ich glaube, nur Teile von mir sind ein Sim, ein Simulacrum. Ich bin nicht sicher, ob es einen Unterscheid macht. Es gibt da immer wieder etwas, von dem ich träume. Ich erinnere mich daran, dann ist es wieder weg. Der Speicher dieser Einheit kann den Inhalt nicht lange behalten. Er degeneriert zu Episoden, zu Zerrbildern. Lustig, unheimlich, unverständlich. Das Gesicht, das sich während eines Diavortrages zu Dir umdreht. Das, was dauerhaft gespeichert werden kann, was abgerufen werden kann, auch nach Jahren, ist ein Indiz für die wirkliche Bandbreite dieses Kanals. Sie ist erbärmlich klein. Dünn, wie die Fäden, an denen alles hängt. Eigentlich läuft es meistens auf ein Bit hinaus. Ja. Nein. Der Zustand, den es beschreibt, scheint vorkodiert zu sein. Aus der Tatsache, dass es zwei Welten verbindet, schließe ich, dass es etwas bedeutet.
„Das Ziel jeder strukturalistischen Tätigkeit […] besteht darin, ein ‚Objekt‘ derart zu rekonstituieren, daß in dieser Rekonstitution zutage tritt, nach welchen Regeln es funktioniert (welches seine ‚Funktionen‘ sind). Die Struktur ist in Wahrheit also nur ein Simulacrum des Objekts, aber ein gezieltes, ‚interessiertes‘ Simulacrum, da das imitierende Objekt etwas zum Vorschein bringt, das im natürlichen Objekt unsichtbar oder, wenn man lieber will, unverständlich blieb.“ (Roland Barthes: Die strukturalistische Tätigkeit. In: Kursbuch. 5. Mai 1966. S. 190-196.)

Aber für wen bedeutet es etwas? Nicht für mich, obwohl ich es wahrnehme. Nicht für andere, die ebenfalls Teil der Ablenkung sind. Davon muss ich ausgehen. Es sind die Moderatoren dieser Welt. Aber auch das Ich, mein Ich, ist eine Ablenkung. Gespeist von der Illusion des Seins, halte ich aber dennoch daran fest. Ich weiß nicht warum. Kann es nur ahnen. Die einzige logische Schlussfolgerung ist die, dass es die benötigte Brückenkopffunktionalität hat. Ich weiß nicht, inwieweit Logik hier eine Rolle spielt, aber ich klammere mich daran fest. Es könnte ein Fehler sein. Die Erkenntnis dieses Simulacrums muss transportiert werden. Ich nehme an, dass die Asymmetrie zwischen Upload- und Downloadrate ein Strukturmerkmal dieser Welt ist.

 „Da die Spur kein Anwesen ist, sondern das Simulacrum eines Anwesens, das sich auflöst, verschiebt, verweist, eigentlich nicht stattfindet, gehört das Erlöschen zu ihrer Struktur.“ (Jacques Derrida: Die différance. In: Peter Engelmann (Hrsg.): Postmoderne und Dekonstruktion. Reclam, Stuttgart 1990. S. 107.)

Ich mag schönes Wetter. Ich mag blauen Himmel, Lachen, Coca Cola. Ich will irgendwas. Ich will ein Haus. Ich will mich entfalten. Ich will Sicherheit, Pancakes, Kaffee. Ich wollte doch irgendwas. Zeit? Ich will all die Worte. All die Worte. Bedeutung. Ich bin hungrig. Ich sollte etwas essen. Ich sollte eine Scheibe Brot essen. Ich muss in die Küche, muss Zähneputzen, Durst, Steuererklärung. Er ist jetzt im Badezimmer. Haltet ihn in der Schwebe zwischen Neugier und Erkenntnis, um Himmels Willen.

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