Sieben Sekunden

Ich habe meinen letzten Cent für die Fahrkarte ausgegeben. Die bedrohliche Leichtigkeit meiner Jackentasche, in der ich für gewöhnlich mein Kleingeld aufbewahre, macht mich ängstlich. Die Türen öffnen sich. Eine Gruppe Jugendlicher steigt laut lachend aus der U-Bahn. Ich steige ein. Es ist stickig hier drin und es riecht irgendwie unangenehm nach Jugendherberge. Gerade so, als ob die Jugendlichen einen Teil von sich da gelassen hätten. Haben sie wahrscheinlich auch. Ich stelle mir vor, wie die Jugend aus den Poren ihrer fettigen Haut tropft, sie verstopft und rot umrandete eitrige Pickel hinterläßt, die aufplatzen und die Umgebung in einen Sprühnebel aus Jugendlichkeit tauchen. Mir wird heiss. Mein Mund fühlt sich trocken an, genau wie meine Haut. Trocken, verwelkt. "Das macht die kalte Luft draußen", denke ich mir. Draußen ist es immer kalt. Selbst im Sommer. Doch jetzt ist Winter, was alles viel schlimmer macht. Der Wind springt mich dann an wie ein tollwütiger Hund. Ich sauge die spröde wirkende, viel zu warme Luft in meine Lungen, spüre das Brodeln in meiner Brust, muss husten und versuche, das Röcheln zu unterdrücken, leise zu husten. Meine Lungen verkrampfen. Ich habe das Gefühl als müsste ich ersticken, hier in dem nach Jugend stinkenden, dreckigen Abteil. "Welch ein Ende", denke ich, "wie bescheuert bedeutungslos." Mein Atem geht bedenklich flach. Ich schließe die Augen und atme fünf Sekunden lang ein und dann zehn Sekunden aus. Das mache ich immer so. Hab' irgendwann in einem Buch über Meditation darüber gelesen. Diese Atemtechnik soll angeblich das 'CHI' anreichern und für mehr Lebenskraft sorgen. Mich bewahrt sie regelmäßig vor Panikattacken. Genauer gesagt, vor den körperlichen Auswirkungen der Panikattacken, der Atemnot. Die Panik in meinem Kopf kann auch sie nicht bekämpfen. Ganz besonders nicht heute. Denn heute ist ein ganz besonderer Tag. Heute werde ich sterben."Sterben" hört sich gut an, wie die logische Entwicklung eines fatalen Prozesses. Ein gutes Wort um zu beschreiben, was hier vor sich geht. Ich werde sterben. Nicht, dass ich das wollte oder es besonders darauf angelegt hätte. Es steht einfach fest. So wie Weihnachten oder andere ungeliebte Familienfeiern. Ein Tag im Kalender - angemarkert oder mit einem handschriftlichen Kommentar versehen à la: 'Heute wird gestorben'. Dazu noch ein kleiner, böser Grinse-Smiley mit Hörnern und die Uhrzeit. Die Uhrzeit macht mir besonders zu schaffen - 7:38 Uhr morgens. Erst wollte ich gar nicht aufstehen. Im Schlaf zu sterben ist immerhin eine Sache, die sich viele Menschen, vor allem alte wünschen. Aber ich bin neugierig, was wohl geschieht, heute um 7:38 Uhr. Ich kann mich nämlich nicht daran erinnern, den Termin selbst vereinbart zu haben. Deswegen sind mir die näheren Umstände auch unbekannt. Der Ort scheint keine Rolle zu spielen. Es ist keiner eingetragen. Nur die Zeit - 7:38 Uhr. Eigentlich auch schon ein Indiz dafür, dass ich nicht verantwortlich für diese Sache bin. Ich hätte mit Sicherheit einen Termin abends gewählt. In einem Pub oder so. Andererseits, vielleicht war kein anderer Termin frei. Dann jedoch hätte ich theoretisch noch eine oder zwei Wochen warten können. Ist ja nicht so, dass ich unter Zeitdruck stehe...stopp. Diese ganze Rede und Widerrede, dieses These-Antithese-Denken bringt mich nicht weiter. Der Termin steht fest. Daran gibt es nichts zu rütteln oder zu deuteln. "Er ist früh morgens, weil jemand sehr beschäftigt ist und mich daher morgens netterweise dazwischen quetscht", beende ich den inneren Monolog. Das Abteil, das mir mittlerweile fast zur zweiten Heimat geworden ist, leert sich zusehends. Ich fühle mich wohl. Viel besser als noch bei meinem Einstieg. 7:36 Uhr. Langsam ergreift mich eine gewisse freudige Erregung. "Nur noch zwei Minutern", denke ich und fühle meine Handflächen feucht werden. Meine Finger trommeln nervöse Rhythmen auf meinen Oberschenkel. Gleich, gleich, gleich. Ich habe vor, meinem Sterben mit Würde zu begegnen. Es wird viel in den Medien darüber berichtet: Menschenwürdiges Sterben, "In Würde alt werden" und so weiter und so fort. 7:37 Uhr. Ich kontrolliere mein Äußeres, ziehe die Krawatte gerade, die ich extra für diesen Termin angelegt habe. Das Spiegelgesicht im Fenster macht zwar einen leicht müden, aber ansonsten einen netten, freundlichen Eindruck. Ich verstärke das Lächeln ein bißchen. Sieben Sekunden noch.

Lektionen der Liebe

Meine Freundin hat mich am Wochenende gefragt, wieviel Prozent meiner Gedanken bei ihr sind. Eigentlich eine ziemlich gefährliche Frage, wenn man bedenkt, was für Antworten da heraus kommen. Sind 10% zuwenig? Sind 25% ausreichend? 90% zuviel? Und was ist mit der goldenen Mitte, 50%?
Ich habe auf jeden Fall mal darauf geachtet und hier sind meine Ergebnisse: Ausgeschlossen habe ich von vorn herein die Gedanken, deren Grund ein dringendes und existentielles Bedürfnis sind. Darunter fallen zum Beispiel Gedanken wie "Ich hab' Hunger", "Ich mag Pizza", "Meine Blase ist voll" und "Huch, guck mal! Es ist Tag". Ich weiß, Liebe hat auch oft solch dringende existentielle Gedankenbestandteile (z.B. "Au Backe, ich liebe dieses Mädchen"), doch darüber schreibe ich hier nicht. Es geht um Gedanken, die darüber hinaus gehen. Da fällt mir zum Beispiel ein, dass ich heute morgen nachgedacht habe, wie es wohl wäre, mit ihr zusammen zu ziehen. Oder der Moment, wo mir aufgefallen ist, dass ich, wenn ich den Kuschelwollpulli trage, den sie mir immer wegnimmt, Imitationen einiger ihrer Gesten für ein sehr exklusives Publikum (in dem Fall: ich) darbiete. Oder jetzt, wenn ich das hier schreibe. Ha! Da fällt es mir wie Schnee von den Tannen! Dass ich da nicht eher drauf gekommen bin! Es geht nicht so sehr um die Häufigkeit, sondern um die Qualität. Oh, wie gemein von ihr, Liebe in der prozentualen Häufigkeit gedachter Gedanken zu messen! Ein Glück, dass ich da noch dahinter gekommen bin. Wieder etwas gelernt.

Was ist bloß aus der guten alten Werbung geworden?

Shell, Sie erinnern sich? Erst wenn die letzte Ölbohrplattform versenkt ist, werdet ihr sehen, dass man nachts kein Bier mehr tanken kann, oder so. Ich habe neulich eine Werbung von Shell gesehen, die mir das Blut in den Adern gefrieren ließ. Ich werde den Spot kurz zum Besten geben, damit sich auch jeder vorstellen kann, was ich meine.
Man sieht ein wunderschönes Gebiet un- oder kaum berührter Natur. Inseln, weiße Strände, Kokosnußpalmen und Bacardi-Bräute. Ein Paradies wie es im Handbuche für Golf-GTi-Fahrer steht. Eine Stimme aus dem Off schleicht sich an. Sie gehört anscheinend einem findigen Ingenieur des Shell-Konzerns. Ein typischer Jet-Set-Ingenieur, wie man ihn an jeder Ecke treffen kann: Kühle Daiquiris, Milliarden auf dem Konto und smarter als Remington Steel. Er berichtet davon, dass sich unter diesem Paradies ein Schatz an schwarzem Gold verbirgt. Die Sache hat nur einen Haken. Der Schatz, die Ölreservois, sind allesamt eher klein und spuddelig und liegen auch noch meilenweit auseinander. Das wurmt unseren smarten Helden natürlich sehr. Zum Glück hat unser smarter Dipl. Ing. einen intelligenten, aber vernachlässigten Sohn. Letzterer feiert lieber mit seinen Freunden anstatt zur Schule zu gehen. Dabei schnappt er natürlich ziemlich viel linkes Kiffergewäsch auf. Ja, man könnte wirklich sagen, er gehört zu den Leistungsverweigerern aus Überzeugung. Bemerkenswert ist, dass er das im Spot auch so sagen darf. Sinngemäß:"Na Dad, welches Fleckchen Erde zerstörst Du denn jetzt wieder?".
Zu Besuch bei Familie Vader. Weiter im Text. Die entscheidende Szene naht. Der Vater trinkt mit seinem Sohn einen Milchshake, vielleicht in einem Eiscafé am Flughafen oder beim Umsteigen in einen Helikopter. Das bleibt unklar. Man erkennt, dass der Junge zwar wütend ist und der Protest ob der Vernachlässigung durch seinen reisefreudigen leistungsorientierten Papa noch hinter der Stirn schwelt, aber er ist dennoch glücklich, über die kurze Zeit, die er mit seinem Vater verbringen darf. Klassisch! Genial! Der Sohn nutzt dann seine juvenile Kreativität dazu, mit einem Knickhalm die letzten Reste seines Milchshakes wegzuschlürfen.

Damit ist alles gesagt. Der Vater "klaut" die Idee seines Sohnes, entwirft einen teuren Knickbohrer und kann so -trotzdem relativ kosteneffizient- im Rahmen dieses Ölförderungprojekts ein ganzes Paradies zerstören. Er ist angesehen, schwimmt im Geld und kann als gefragter Ingenieur in Shell-Firmenjets weiter um die Erde düsen. Die Zukunft des Sohnes bleibt der Phantasie überlassen. Aber ich könnte mir vorstellen, dass sie -trotz des familiären Reichtums- nicht unbedingt rosig aussieht: Internat, Bahnhof Zoo oder BWL-Studium.

Aber wo soll ich nun anfangen mit meiner Kritik? Was soll ich sagen? Wie es in Worte kleiden? Ich könnte mir vorstellen, dass der Gründer der Royal Dutch Shell plc es so ausdrücken würde:

"Chuzpe (aus dem jiddischen חוצפה [chutzpe] von hebräisch חצפה [chuzpà] für „Frechheit, Dreistigkeit, Unverschämtheit" entlehnt) ist eine Mischung aus zielgerichteter, intelligenter Unverschämtheit, charmanter Penetranz und unwiderstehlicher Dreistigkeit.
Im Hebräischen enthält der Begriff eine negative Bewertung für jemanden, der die Grenzen der Höflichkeit aus egoistischen Motiven überschreitet. Im Jiddischen und in den meisten europäischen Sprachen schwingt Anerkennung für eine Form sozialer Unerschrockenheit mit. Hier spricht man insbesondere von Chuzpe, wenn jemand in einer eigentlich verlorenen Situation mit Dreistigkeit noch etwas für sich herauszuschlagen versucht."
(Danke Wikipedia!)

Der Gründer dieses Blogs hingegen sucht immer noch nach einem geeigneten Wort, um das zu beschreiben, was er fühlt. Der hebräische Ansatz geht schon in die richtige Richtung, aber leider nicht weit genug. Ich liebäugele da schon eher mit dem griechischen Begriff "Emesis".

Wenn es Euch ähnlich geht, schickt mir ein "N".

Spiel, Satz und Sieg!

Berlin, 30.04., der Himmel ist blau, die Sonne scheint, es ist Vormittag. Wenn ich jetzt noch ein Produkt von Taft zur Hand nähme, wäre die Anspielung komplett. Ich frage mich, warum Leute immer wieder auf irgendwas anspielen. Warum spielen sie nicht zu Ende? Ich könnte mir vorstellen, dass sie es tun, um Zeit zu sparen. Ist ja klar: "Hier, die Kleine. Die mit den großen ohoooo. Die würde ick mal janz jerne knickknack, nasiewissenschon". An-Spielen. Gibt's ja auch beim Fußball.
Ich trete den Ball in Richtung Mitspieler und hoffe darauf, dass er weiß, das dies ein Fußballspiel ist. Beim Fußball ist das noch recht einfach zu durchschauen. Man bereitet sich vor. Geht zum Training. Zieht sich mehr oder weniger passende Sportkleidung an. Kurz: Man weiß, es handelt sich um Fußball. Doch woher weiß man, was Phase ist, wie der ehemals demokratische Deutschrepublikaner einst formulierte, wenn man gerade nicht auf einer hübsch bemalten Wiese steht? Ein kleines Beispiel:

Chef: Ich fahre nach Brasilien in den Urlaub.
Angestellter: Was wollen Sie denn da? Da gibt's doch nur Nutten und Fußball.
Chef: Meine Frau ist Brasilianerin!
Angestellter: Bei welchem Verein spielt sie denn?

Witze in Blogs sind geschmacklos. Ich werde in Zukunft davon Abstand nehmen. Bitte entschuldigen Sie meine Entgleisung. Trotzdem ist es ein gutes Beispiel. Und es kommt Fußball darin vor! Merke: Von Anspielungen kann man also immer dann sprechen, wenn der Job nicht akut von einem "Mißverständnis" bedroht wird. Chef: "...Sie müssten mal ihre Bälle sehen".