Was ist bloß aus der guten alten Werbung geworden?

Shell, Sie erinnern sich? Erst wenn die letzte Ölbohrplattform versenkt ist, werdet ihr sehen, dass man nachts kein Bier mehr tanken kann, oder so. Ich habe neulich eine Werbung von Shell gesehen, die mir das Blut in den Adern gefrieren ließ. Ich werde den Spot kurz zum Besten geben, damit sich auch jeder vorstellen kann, was ich meine.
Man sieht ein wunderschönes Gebiet un- oder kaum berührter Natur. Inseln, weiße Strände, Kokosnußpalmen und Bacardi-Bräute. Ein Paradies wie es im Handbuche für Golf-GTi-Fahrer steht. Eine Stimme aus dem Off schleicht sich an. Sie gehört anscheinend einem findigen Ingenieur des Shell-Konzerns. Ein typischer Jet-Set-Ingenieur, wie man ihn an jeder Ecke treffen kann: Kühle Daiquiris, Milliarden auf dem Konto und smarter als Remington Steel. Er berichtet davon, dass sich unter diesem Paradies ein Schatz an schwarzem Gold verbirgt. Die Sache hat nur einen Haken. Der Schatz, die Ölreservois, sind allesamt eher klein und spuddelig und liegen auch noch meilenweit auseinander. Das wurmt unseren smarten Helden natürlich sehr. Zum Glück hat unser smarter Dipl. Ing. einen intelligenten, aber vernachlässigten Sohn. Letzterer feiert lieber mit seinen Freunden anstatt zur Schule zu gehen. Dabei schnappt er natürlich ziemlich viel linkes Kiffergewäsch auf. Ja, man könnte wirklich sagen, er gehört zu den Leistungsverweigerern aus Überzeugung. Bemerkenswert ist, dass er das im Spot auch so sagen darf. Sinngemäß:"Na Dad, welches Fleckchen Erde zerstörst Du denn jetzt wieder?".
Zu Besuch bei Familie Vader. Weiter im Text. Die entscheidende Szene naht. Der Vater trinkt mit seinem Sohn einen Milchshake, vielleicht in einem Eiscafé am Flughafen oder beim Umsteigen in einen Helikopter. Das bleibt unklar. Man erkennt, dass der Junge zwar wütend ist und der Protest ob der Vernachlässigung durch seinen reisefreudigen leistungsorientierten Papa noch hinter der Stirn schwelt, aber er ist dennoch glücklich, über die kurze Zeit, die er mit seinem Vater verbringen darf. Klassisch! Genial! Der Sohn nutzt dann seine juvenile Kreativität dazu, mit einem Knickhalm die letzten Reste seines Milchshakes wegzuschlürfen.

Damit ist alles gesagt. Der Vater "klaut" die Idee seines Sohnes, entwirft einen teuren Knickbohrer und kann so -trotzdem relativ kosteneffizient- im Rahmen dieses Ölförderungprojekts ein ganzes Paradies zerstören. Er ist angesehen, schwimmt im Geld und kann als gefragter Ingenieur in Shell-Firmenjets weiter um die Erde düsen. Die Zukunft des Sohnes bleibt der Phantasie überlassen. Aber ich könnte mir vorstellen, dass sie -trotz des familiären Reichtums- nicht unbedingt rosig aussieht: Internat, Bahnhof Zoo oder BWL-Studium.

Aber wo soll ich nun anfangen mit meiner Kritik? Was soll ich sagen? Wie es in Worte kleiden? Ich könnte mir vorstellen, dass der Gründer der Royal Dutch Shell plc es so ausdrücken würde:

"Chuzpe (aus dem jiddischen חוצפה [chutzpe] von hebräisch חצפה [chuzpà] für „Frechheit, Dreistigkeit, Unverschämtheit" entlehnt) ist eine Mischung aus zielgerichteter, intelligenter Unverschämtheit, charmanter Penetranz und unwiderstehlicher Dreistigkeit.
Im Hebräischen enthält der Begriff eine negative Bewertung für jemanden, der die Grenzen der Höflichkeit aus egoistischen Motiven überschreitet. Im Jiddischen und in den meisten europäischen Sprachen schwingt Anerkennung für eine Form sozialer Unerschrockenheit mit. Hier spricht man insbesondere von Chuzpe, wenn jemand in einer eigentlich verlorenen Situation mit Dreistigkeit noch etwas für sich herauszuschlagen versucht."
(Danke Wikipedia!)

Der Gründer dieses Blogs hingegen sucht immer noch nach einem geeigneten Wort, um das zu beschreiben, was er fühlt. Der hebräische Ansatz geht schon in die richtige Richtung, aber leider nicht weit genug. Ich liebäugele da schon eher mit dem griechischen Begriff "Emesis".

Wenn es Euch ähnlich geht, schickt mir ein "N".

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