Die junge Frau aus Sezchuan

Heute hat mich eine Dame auf dem U-Bahn-Bahnsteig angesprochen. Ich solle zum Casting, meinte sie. Na ja, zumindest hat sie das so genannt. In Wirklichkeit ging es um Immobilien im ganz großen Stil wie ich nach kurzem Gespräch herausfand. Die junge adrette Frau war beauftragt, andere junge adrette Menschen von der Straße aufzusammeln und zu ehrenvollen Mitgliedern der Gesellschaft zu machen, ihrer Immobiliengesellschaft. Ich habe ihr gesagt, ich hätte bereits einen guten Job bei einer anderen Firma, woraufhin sie versuchte, eben diesen mir madig zu machen. Die Stoßrichtung ihrer Argumentation ging in Richtung Geld, Autos und Frauenzimmer. Gut genug für Mr. Bohlen, aber auch gut genug für mich? Ich erwiderte prompt, dass Geld nicht glücklich mache und der Kapitalismus die Gesellschaft zerstöre, man bräuchte sich ja nur mal umzusehen. Ihre streng tätowierte Augenbraue ließ keinen Zweifel an der Realität, die sie umgab erkennen. Jedoch zweifelte ich meinerseits daran, dass sie sich wirklich anstrengte, meinen soeben dargelegten Gedankengängen zu folgen. Um sicher zu gehen, gab ich noch ein paar Allgemeinplätze zum besten und erklärte die gesamte Gesellschaft kurzerhand für korrupt, und dass nur der Weg weg von den etablierten Werten die Menschheit retten könne. Sie vermutete, ich sei ein Student. Da sah ich, dass diese junge Frau schon längst die Augen verschlossen hatte. Verschlossen vor der Wahrheit. Verschlossen vor Welt und verschlossen vor sich selbst. Wusste sie denn nicht, dass sogar die Studenten heute mehr denn je Mammon huldigten? Wusste sie denn nicht, dass marodierende Horden aus den Fakultäten der Wirtschaftswissenschaften längst wieder neon- und pastellfarbene Hemden trugen, wie damals, 1980? Das Koks zerfetzte eine ganze Generation von Investmentbankern und Börsenmaklern bevor die Ekstase sie wieder befreien konnte. Und nun war es zurückgekehrt. Wusste sie denn all diese Dinge nicht?! Ein Luftzug kündigte die nahende U-Bahn an und das Gespräch ebbte plötzlich ab, fortgewaschen von den Geräuschen des Untergrunds. Ich triumphierte. Ein Sieg, wenn auch ein kleiner. Karge Grußworte umrahmten unseren Abschied. Dann wandte sich die junge adrette Frau um. Wahrscheinlich war ihr ein anderer Adam ins Auge gefallen. Doch so wollte ich nicht von ihr denken. Wie könnte ich sie tadeln? Die Situation hinterließ mich traurig und auch ein bisschen ratlos. Stehend sausten die Wände, die eigentlich ein Tunnel waren an mir vorbei, ohne dass ich Notiz von ihnen nahm. Ich wusste keinen Weg, die Lücke zu schließen, die Brücke zu schlagen oder den göttlichen Funken überspringen zu lassen, dass sie bloß begriff, dass nichts einen Wert hat außer dem, dem wir ihm geben. Ich wollte wenigstens hoffen können. Doch selbst in dieser Hinsicht haderte ich. Die fast menschliche Stimme der automatischen Durchsage ließ die Welt um mich herum wieder in den Vordergrund treten. Meine Haltestelle. Meine Kopf. Meine Musik..."I'll get you anything my friend if it makes you feel alright"...Das waren die Beatles - und sie hatten recht. *dickes Lächeln*

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